Über die Bedeutung von Narben

Verheilt, aber noch sichtbar
Verheilt, aber noch sichtbar

Narben. Ein schwieriges Thema. Kann ich darüber etwas Positives schreiben? Wie komme ich überhaupt auf so ein Thema? Vor ein paar Tagen saß ich am Waldrand in der Sonne und habe einige meiner Narben betrachtet. Zuerst fiel mein Blick auf die äußeren, dann auf die inneren Narben. Bei den meisten konnte ich mich noch gut daran erinnern, wann und wo ihr Ursprung lag. Manche weckten ungute Erinnerungen an Schmerz; andere waren sehr verblasst oder erschienen mir mittlerweile unbedeutend.

Narben erinnern an vergangene Ereignisse. Objektiv gesehen kennzeichnen Narben eine Verletzung, die wir offensichtlich überlebt haben, die aber eine bleibende Veränderung hinterlassen hat. Was wir subjektiv in ihnen sehen, ist ganz unterschiedlich.

Niederlage oder Triumph?

Manchmal sehen wir in ihnen ein Zeichen der Niederlage. „Ich habe eine Verletzung erlitten, die sehr tief war. Jemand oder etwas hat meine äußere schützende Hülle durchbrochen und mir Schmerzen zugefügt. Ich konnte mich nicht ausreichend schützen.“

Manchmal sehen wir in ihnen ein Zeichen der Bedürftigkeit. “Schaut, wie ich gelitten habe. Nehmt Rücksicht auf mich. Kümmert Euch um mich. Lindert mein Leiden.“

Manchmal sind sie ein Zeichen des Triumphes. „Seht her wieviel ich ertragen kann.  Es war schmerzhaft, doch ich habe es überwunden. Ich bin stark und stolz.“

Verletzungen zu überleben, ist nicht selbstverständlich. Eine Verletzung kann so schwer sein, dass eine Heilung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln unmöglich ist – oder aber etwas oder jemand hat das Verheilen der Wunde verhindert. Oft verschlimmern wir selber die Situation. Wie das?

Zuviel oder zuwenig Aufmerksamkeit

Einige Menschen zeigen ein Übermaß an Aufmerksamkeit. Nichts anderes als die Verletzung wird wahrgenommen. Immer wieder wird sich damit beschäftigt. „Wie ist das passiert? Was hätte ich anders machen können? Ich habs doch gleich gespürt, warum habe ich nicht vorher gehandelt?“ Immer wieder wird in der Wunde gestochert und gebohrt. Der frische Schorf wird weggekratzt. weil er den Blick auf die Verletzung versperrt. Immer wieder werden Tiefe und Art der Verletzung eingehend untersucht. Obwohl die eigentliche Verletzung schon lange zurückliegt, wird der Schmerz so immer wieder aufs Neue präsent und die Wunde fängt wieder an zu bluten. So etwas ist gefährlich. Schmutz kann eindringen und die Wunde eitern lassen. Das verursacht zusätzliche Schmerzen und stellt ein Risiko für die gesamte Gesundheit dar.

Andere ignorieren ihre Verletzung einfach und vernachlässigen ihre Wunde. „Hak es ab und vergiss es. Mach einfach weiter. Das war nicht wichtig.“ Wenn wir eine Verletzung nicht akzeptieren, gehen wir achtlos mit ihr um. Wir widmen ihr nicht die nötige Aufmerksamkeit, halten Schmutz und Dreck nicht von ihr fern. Wir schützen die empfindliche Wunde nicht vor weiteren Verletzungen. Wir beanspruchen die Stelle stattdessen mit der gleichen Intensität wie vorher und gönnen ihr und uns keine Regenerationspause. Wir können so auch nichts daraus lernen.

Beide Methoden sind in meinen Augen für einen guten Heilungsprozess ungeeignet. Mich zu schonen und auf meine Wunde achtzugehen, erscheint mir ganz natürlich. Die Verletzung ist ja objektiv da. Nichts kann die ursprüngliche Verletzung ungeschehen machen. Wenn ich ständig an der Wunde rumfummle schade ich mir nur selber. Ich sollte ab und zu einen Blick darauf werfen und mich mit Wundbalsam und weichen Verbänden verwöhnen. Wenn es juckt lenke ich mich ein paar Minuten lang ab und schon ist das Gefühl vorbei. Vor allem sollte ich versuchen, die Verletzung so gut wie möglich zu schützen und aus der Erfahrung zu lernen. Einmal diese schmerzhafte Erfahrung zu machen, sollte möglichst für den Rest des Lebens reichen.

Loslassen heißt nicht Vergessen

Ob ich in den Narben Triumpf oder Niederlage sehe, hängt oft mit dem Zeitpunkt der Betrachtung zusammen.  Wichtig ist das Verheilen, das Überleben. Wenn ich loslasse und der Wunde Zeit zum Heilen gebe, kann sich das Empfinden mit der Zeit von Niederlage über Bedürftigkeit zu Triumph wandeln. „Seht her was ich alles erlebt und überlebt habe.“ Irgendwann ist auch das vielleicht nicht mehr wichtig.

Ist das einfach? Nein. Loslassen ist oft nicht einfach. Manchmal brauchen wir Unterstützung. Jemand der uns hilft, den Blick von der Verletzung auf den Heilungsprozess und die Lernerfahrung zu lenken. Jemand, der uns zeigt, wie wir uns Gutes tun können, statt uns durch stetiges Erinnern oder Ignorieren selber zu schaden.

Eigene Erfahrungen

Auf welche Narben sind Sie heute stolz? Welche Narben haben im Laufe der Zeit und wider die Erwartung an Bedeutung verloren? Von welchen unverheilten Wunden wollen Sie in Zukunft lieber die Finger lassen?

4 Gedanken zu „Über die Bedeutung von Narben“

    1. Hallo Pit, sind es wirklich immer nur die Anderen?
      Nehmen wir an das stimmt. Ich geh spazieren und immer wieder kommt dieser schwarze Hund und beisst mich… Ok, was kann ICH jetzt alles machen? Mich schützen in dem ich dicke Kleidung trage. Ein Pfefferspray mitnehmen. Einen Hundetrainer zu dem Problem befragen. Den Hund mit Leckerli bestechen. Mir einen eigenen größeren Hund anschaffen. Den Hundebesitzer ausfindig machen und ihn bitten, den Hund an die Leine zu nehmen. Eine Anzeige erstatten. Einen anderen Spazierweg nehmen. Zu einer anderen Tageszeit spazieren gehen…Es gibt bestimmt noch mehr Möglichkeiten, die alle in meinem Einflussbereich liegen. Vielleicht fällt Dir auch etwas in DEINEM Einflussbereich ein.

  1. Dein Blog liebe Caren hat mich berührt und zum Nachdenken gebracht.
    Schmerz,Narben-Triumph oder Niederlage???
    Was wäre wenn wir die Narben aus der Perspektive unseres Bewusstseins sehen ,wahrnehmen und beobachten würden ohne uns damit zu identifizieren ? Perspektivenwechsel.
    Ich bin die/der, die/der beobachtet nicht das Beobachtete.
    Hoffentlich verstehst Du was ich damit meine :-).

    1. Hallo Lydia, ja, ich glaube ich weiß, was Du meinst. So etwas nenne ich im Kommunikationstraining die „Marsmännchen-Perspektive“. Was würde ein Besucher von einem fremdem Planeten von außen wahrnehmen? Ganz ehrlich, das ist kniffelig und braucht viel Übung. Oft stehen uns die eigenen Gefühle im Weg. Diese erst einmal beiseite zu lassen und sich um ein Verheilen der Verletzung zu kümmern, das wäre vorrangig.

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